Marita, Arnsberg

In den Jahren 2015 und 2016 waren wir überwältigt von den Bildern in den Medien, die Menschen auf ihrer Flucht aus verschiedenen Krisengebieten zeigten. Für uns war sofort klar: Jetzt kommt es auf jede und jeden von uns an, hier humanitäre Hilfe zu leisten.

In dieser Zeit, als die Not am größten war, ergriffen wir die Initiative und boten unsere Unterstützung an. Das Jugendamt der Stadt Arnsberg kontaktierte uns in unserer Fachstelle „Zukunft Alter“ mit der Bitte, Pat*innen für minderjährige, unbegleitete, geflüchtete Jugendliche zu finden. Ohne zu zögern, nahmen wir die Anfrage an und begannen damit, die Senior*innen in unserer Stadt anzusprechen, um diese jungen Menschen zu unterstützen. In meiner damaligen Rolle als Leiterin der Fachstelle habe ich direkt die Initiative ergriffen und Kontakt zur BaS aufgenommen, um uns zu vernetzen und einen Wissenstransfer zu ermöglichen.

Eine Gemeinschaft entsteht

Das war der Start im Jahr 2016, und wir haben gemeinsam viel gelernt. Wir wurden MUTMacher*innen, TÜRÖffner*innen und WEGWeiser*innen für 45 junge Menschen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Iran und vielen weiteren Ländern. Es bildete sich schnell ein stabiles Netzwerk zwischen den Pat*innen und zu den Mentees. Wir organisierten gemeinsam Aktivitäten und knüpften Kontakte zu Sportvereinen, Kulturvereinen, Künstler*innenn, Jugendzentren, Mehrgenerationen-Häusern und vielen anderen Organisationen. Gemeinsam mit einem Arnsberger Sportverein gründeten wir sogar eine Cricket-Mannschaft und entwickelten mit Theatern vor Ort autobiographische Theaterstücke. Wir wurden Teil des ehrenamtlichen Netzwerks „Arnsberg hilft“ und bauten Brücken zwischen Generationen und Kulturen.

Fast alle der damals ankommenden Jugendlichen haben heute ihre dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Viele von ihnen haben inzwischen ihre Ausbildung beendet, Familien gegründet, Existenten aufgebaut. Das Projekt war ein großer Erfolg, und wir alle haben neue Freunde gefunden und Erfahrungen gemacht, die wir sonst niemals erlebt hätten und die unser Leben bereichert haben.

Eine neue Herausforderung: Der Weg ins Neue e.V.

Als der Krieg in der Ukraine begann, waren wir gut aufgestellt, um unsere bewährten Netzwerke erneut zu aktivieren. Inzwischen hat sich der gemeinnützige Verein „Der Weg ins Neue e.V.“ gegründet, in dem geflüchtete Menschen sich engagieren, um ihre Talente und Fähigkeiten in der Unterstützung von neu ankommenden geflüchteten Menschen in unserer Stadt einzubringen. Für mich persönlich ist dies ein Erfolgskonzept und eine Weiterentwicklung der „Chancenpat*innenschaften“.

Eine neue Aufgabe nach der Pensionierung

Seit meiner Pensionierung vor drei Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich für meine Herzensangelegenheit: Die persönliche Begleitung einer geflüchteten Familie mit vier minderjährigen Jugendlichen aus Afghanistan. Nach zehn Jahren der Trennung von ihrem Vater haben sie endlich die Möglichkeit zur Familienzusammenführung erhalten.

Diese Pat*innenenschaft erfordert viel Zeit und Geduld, da es sich um vier pubertäre Jugendliche handelt. Sie haben den festen Willen, in ihrer neuen Heimat anzukommen. Mein Ziel ist es, ihnen die Türen zu öffnen und ihnen gleichzeitig Mut zu machen, ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.

Ein neuer Anfang in Arnsberg

Die Jugendlichen sind nun seit einem Jahr in Deutschland und machen große Fortschritte. Dank der bundesweiten Initiative „Chancenpatenschaften Alt & Jung“ können sie nun mit Unterstützung engagierter Pat*innen ankommen. Sie besuchen das Städtische Gymnasium und starten hochmotiviert ihre schulische Bildung. Obwohl es viel zu tun und aufzuholen gibt, haben sie ein großes Ziel vor Augen: Deutsch lernen, einen guten Schulabschluss machen, im Sportverein aktiv sein und Freunde finden. Ich bin sicher, sie werden das Ankommen meistern. Es erfordert Geduld, aber mit engagierten Menschen an der Seite als Mutmacher*innen, Türöffner*innen und Heimatgeber*innen werden sie es schaffen.

Austausch und Begegnungen in Berlin

Kürzlich hatten wir die Gelegenheit, uns mit anderen Pat*innen aus dem Programm „Alt & Jung Chancenpatenschaften“ in Berlin zu treffen. Dabei haben wir das „Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ besucht, das die Geschichte von Zwangsmigration und Flucht beleuchtet.

Die Ausstellung zeigte uns authentische, tragische Lebensgeschichten von Menschen auf der Flucht, die uns zutiefst bewegten. Wir konnten Parallelen zu den Gründen der Migration und Flucht aus verschiedenen Ländern erkennen, damals wie heute. Diese Erfahrung hat uns noch mehr darin bestärkt, dass unser ehrenamtliches Engagement von großer Bedeutung ist, um geflüchteten Menschen die Unterstützung zu bieten, die sie benötigen.

„Das schönste Geschenk ist die gemeinsame Zeit“

Unsere Stadt Arnsberg, in der 108 Sprachen gesprochen werden, ist heute bunter und multikultureller denn je, und wir sind stolz darauf, einen Beitrag zu leisten. Das größte Geschenk dabei ist die gemeinsame Zeit, die wir mit diesen wunderbaren Menschen teilen dürfen.

Mehr Informationen über den Verein „Der Weg ins Neue e.V.“ finden Sie auf den bereitgestellten Links.

Fotos: Marita Gerwin, Erik Rahn

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (Bas) hat die bundesweite Trägerschaft für das Projekt. Sie koordiniert das Gesamtvorhaben, organisiert den Fachaustausch und unterstützt die lokalen Partner in ihrer Arbeit.

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Alt und Jung - Chancenpatenschaften kurz erklärt

In diesem Flyer zum Runterladen (PDF) finden Sie eine Kurzzusammenfassung des Projekts Alt und Jung – Chancenpatenschaften mit allen wichtigen Infos.